
Rudolf Venherm gehörte vor 31 Jahren zu den Gründern der Renate-Gehring-Stiftung.
Nun zieht er sich zurück – und übergibt gemeinsam mit Wolfgang Sieveking die Aufgaben in gute Hände.
Von Ludger Osterkamp
Gütersloh. Werner Gehring bewies zeit seines Lebens ein gutes Händchen. Für Finanzen, für Unternehmensführung, für Wohltaten – und auch bei der Auswahl des Personals. Rudolf Venherm
beispielsweise. Der 84-Jährige, einst Leiter des Gütersloher Sozialamtes, erwies sich als Glücksgriff. Ohne ihnwäre die Renate-Gehring-Stiftung kaum da, wo sie heute steht.
Venherm führte die Geschicke der Stiftung 31 Jahre lang, seit ihrer Gründung. Er erreichte, dass sie in der Lage war, jedes Jahr circa 50.000 Euro für wohltätige Zwecke auszuschütten, er half
Hunderten von Menschen in ihrer Not. Viele sind ihm dankbar: Alleinerziehende, Arme, Benachteiligte. Venherm ist und war der Mann gegen soziale Kälte. Am Wochenende übergab er sein Amt in
jüngere Hände.
Die erste Ausschüttung ging an jeden Verband, der Altenarbeit betrieb
Die Renate-Gehring-Stiftung hat in ihrem Vorstand einen Generationenwechsel vollzogen. Venherm und Geschäftsführer Wolfgang Sieveking (75) sind ausgeschieden, Klaus Ramforth und Maria Wolters
rückten nach. Sie übernehmen eine gut geführte Organisation, die nach der verstorbenen Frau des inzwischen (2020) ebenfalls verstorbenen Unternehmers Werner Gehring („Christinen Brunnen“)
benannt ist.
Als Gehring, Venherm und der frühere Stadtdirektor Gerd Wixforth 1995 die Stiftung gründeten, hatten sie im Sinn, bedürftige Senioren zu unterstützen. Venherm war genau der Richtige: Er stand
noch voll im Beruf und kannte sie, die „verschämten Armen“: jene Menschen, die abtauchen, die ihre Hilfebedürftigkeit verbergen, die aber an allen Ecken und Enden zu knapsen haben. Venherm
überwies jedem Sozialverband, der in Gütersloh Altenarbeit betrieb, pauschal 5.000 D-Mark. Sie sollten das Geld unbürokratisch und passend an die Betroffenen verteilen. Es gelang. Die Stiftung
hatte ihre erste Ausschüttung getätigt.
Gehring hatte die Stiftung mit einer Million Mark ausgestattet, angelegt in ertragsstarken Finanzen. „Gutes zu tun braucht Geld“, das war sein fürsorgegetriebenes Credo. „Immer war er am Gucken.
Können wir nicht hier helfen, können wir da nicht helfen? Manchmal musste ich ihn bremsen“, berichtet Venherm.
Die Stiftung erwies sich in der Tat als findig. Sie unterstützte Projekte der Arbeiterwohlfahrt, bezuschusste deren Wichtel und deren Computerwerkstatt. Sie kaufte dem Arbeiter-Samariter-Bund
ein Spezialfahrrad für den Rollstuhltransport, sie finanzierte Hochbeete und das Sprudeln des Brunnens am Hermann-Geibel-Haus (heute Wilhelm-Florin-Zentrum). Gehring, Venherm und Wixforth gingen
die Ideen nicht aus. Sieben Jahre nach Gründung verdoppelte Gehring das Stiftungsvermögen.
Ein Zeitungsartikel über das Los vieler Alleinerziehender hatte ihn berührt
Damit verbunden war das Ausweiten des Stiftungszwecks. Venherm hatte einen Zeitungsartikel über den Sozialforscher Klaus Hurrelmann gelesen, in dem dieser das Los vieler Alleinerziehender
beschrieb. „Das hat mich berührt.“ Auch die Hilfe sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher schrieb sich die Stiftung fortan auf ihre Fahnen. Die Zahl der geförderten Projekte wuchs. Die
Stiftung unterstützte eine Gruppe von Trennungs- und Scheidungskindern, einen Großeltern-Leihservice, die Kurse von ehrenamtlichen Märchenerzählern, eine Seniorenreise der Caritas. Sie half,
damit sich die Kinder von Stadtpass-Familien das Mittagessen in ihrer Ganztagsschule leisten können, sie förderte „Gütersloh engagiert“, jenes stadtweite Projekt, bei dem Schüler statt
Unterricht einen Tag etwas Gutes tun.
Oft, fast immer, war es mehr als der Tropfen auf den heißen Stein. „Ich habe immer versucht, Partner zu finden, es über Vereine und Verbände laufen zu lassen“, sagt Venherm. Das erhöhte die
Professionalität und Wirkung. Beispiel „Zoff“: Über den Stadtsportverband und einige Vereine (KSV, DJK, etc.) schaffte es die Stiftung, verhaltensauffällige Kinder mittels Sportkursen zu
integrieren.
Bald las Venherm einen weiteren Artikel. Diesmal ging es um einen Erholungsurlaub alleinerziehender Familien an einem See. Venherm kannte die Nordseeinsel Spiekeroog, kannte das Haus Wolfgang,
und er sah die Chancen, die darin lagen. Er begann, Ferienfreizeiten zu organisieren, „Atempausen“: Kinder und ihre Mütter verbringen eine Woche Urlaub auf Kosten der Stiftung. 2004 rollte die
erste Fahrt nach Spiekeroog, zig weitere sollten folgen. Gestärkt durch einen Vorstandsbeschluss, entwickelte sich die „Atempause“ im Laufe der Jahre zum Stiftungs-Schwerpunkt. Rund 1.300
Teilnehmer verzeichnet das Projekt inzwischen; manche hatten vorher nie das Meer gesehen.
„Wir sind Rudolf Venherm und Wolfgang Sieveking unendlich dankbar“
Etwa 90 Prozent der Ausschüttungen flossen zuletzt in Projekte für Alleinerziehende, sagt Wolfgang Sieveking. Neben der „Atempause“ sei noch etwas Geld für Einzelförderung da, groß sei der
Spielraum nicht. 2018 war Sieveking in den Vorstand berufen worden, hatte die Geschäftsführung übernommen. Ihn darum zu ersuchen, lag nahe: Auch Sieveking war früher Leiter des Sozialamtes
gewesen.
„Wir sind Rudolf Venherm und Wolfgang Sieveking unendlich dankbar“, sagt Stiftungsvorsitzende Antje Gehring. Sie hätten Großes geleistet, die Stiftung ganz im Sinne ihres Vaters geführt. Wie
notwendig deren Arbeit weiterhin sei, wisse jeder, der mit offenen Augen in der Stadtgesellschaft unterwegs ist. Mit Klaus Ramforth (Geschäftsführung), einem frisch pensionierten
Verwaltungsbediensteten, der an den drängenden Themen im Sozialen und bei der Jugend noch nah dran ist, und mit Maria Wolters (Spiekeroog-Freizeiten) stünden gute Nachfolger parat.